Auf der diesjährigen MID Insight 2013 stand das Motto „Model your World“ im Mittelpunkt. Neben zahlreichen Ausstellern, Partnerfirmen und MID-Innovator-Experten, fanden sich auch weit über 500 Teilnehmer auf dem Gelände der Nürnberger Messe ein. Damit ist die MID Insight wahrscheinlich der größte BPM-Kongress in der DACH-Region. Die Themen reichten vom obligatorischen Innovator 11 Workshop über Berichte der Partnerfirmen, Management- und Projektvorträgen, bis hin zu wissenschaftlichen Themen wie „Paradigmen der Prozessmodellierung“ oder „Glossargeprüfte Modelle„. Auf diese Weise konnte eine sehr große Bandbreite erreicht werden, die Aufteilung in 8 unterschiedliche Tracks führte leider dazu, das nicht alle interessanten Themen besucht werden können.

Die erste Keynote des Tages hielt Prof. Scheer über bevorstehende Umbrüche in der MID_Insight_2013_Keynote_Prof_ScheerIndustrie. Er nannte dies „Industrie 4.0“ und meinte damit die Vernetzung der Maschinen und somit letztendlich das Internet der Dinge im gesamten industriellen Bereich (inklusive Zulieferer und Kunden), um eine weitgehend autonome Produktion zu erreichen.

In einer weiteren Keynote stellte die MID die Neuheiten des Innovators vor. Hierbei stach besonders die „Process Note App“ für Tablets hervor. Diese Apps soll den Fachbereich in die Lage versetzen vor Ort Prozesse auf einfache Art zu modellieren, die dann in das Model Warehouse importiert werden können. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt IBM mit BlueworksLive, auch hier können in einer SaaS Anwendung Prozesse mit eingeschränktem Symbolsatz modelliert und später in den IBM Business Process Manager importiert werden. Wobei mir persönlich der Ansatz von IBM besser gefällt, da hier erstens mehr Symbole zu Verfügung stehen und zweitens weitere Dokumentation angehängt werden kann. Allerdings ist die mobile App von IBM nur in der Lage Prozesse zu starten und nicht zu modellieren!

Desweiteren wurde die technologische Basis des Innovators modularer aufgebaut und nach außen für Fremdformate geöffnet. Dieser Ansatz ist zu begrüßen, da nun auch beispielsweise Visio Dateien importiert und im Innovator verknüpft werden können. Insgesamt bleibt festzustellen, dass der Innovator ein sehr mächtiges Modellierungs- und Dokumentationswerkzeug ist, allerdings benötigt es eine gewissen Aufwand diesen für ein Unternehmen voll zu nutzen und alle Artefakte zu modellieren und dokumentieren.

Bei den Vorträgen sind uns folgende besonders präsent geblieben: Prof. Ayelt Komus (Hochschule Koblenz) sprach über „Agiles Prozessmanagement – Wie Scrum nachhaltiges und erfolgreiches Prozessmanagement ermöglicht„. Dabei ging er im ersten Teil auf zahlreiche Studien (eigene aus dem BPM Labor der Hochschule Koblenz und fremde) ein, die verdeutlichten, dass Unternehmen mit BPM tendenziell erfolgreicher sind als Unternehmen, die ihre Prozesse nicht managen. Ergänzend stach hervor, dass die meisten Unternehmen mehrere BPM-Systeme parallel nutzen. Hier muss also in der Realität eine lose Koppelung der BPM-Systeme erfolgen, um das Prozessmanagement wirklich nachhaltig zu machen. Eine Reduktion auf ein – dann äußerst komplexes – System ist nicht zielführend.

Zur Vermeidung des

BPM-Jo-Jo-Effekts: … >> große Begeisterung >> gefolgt von Frustration, da nicht alle Ziele erreicht oder Prozesse bereits veraltet sind << gefolgt von neuer Begeisterung (im Best-Case) …<< oder Beendigung aller BPM-Ambitionen!

schlägt Prof. Komus die Umsetzung der Prozesse mittels eines (adaptierten) Scrum-Ansatzes vor. Dabei ist das Timeboxing, die Sichtweise BPM nicht als Projekt, sondern ein dauerhafter, nachhaltiger und wartungsorientierter Ansatz zu sehen, KVP (kontinuierlicher Verbesserungsprozess), Lieferung von kleinen aber fertigen Produkten, keine Heldentaten und die Rolle des Product Owners (als steuerndes, Entscheidung treffendes und vor allem den Überblick behaltendes Element ) von entscheidender Bedeutung. Eine beispielhafte Umsetzung des Ansatzes könnte folgendermaßen aussehen:

BPM-SCRUM

Der Vortrag „Umsetzung und Ausführung von Prozessmodellen“ der Firma SoftProject (Axel Born) zeigte auf sehr schöne Art und Weise, wie sich Prozessmodelle (jeglicher Art, solange BPMN 2.0 benutzt wird) ausführen und automatisieren lassen, wobei eigentlich immer eine Implementierung notwendig ist. Beachtlich ist hiebei die möglich Legacy Integration mit über 200 vorhandenen Adaptern für die X4 BPM Suite.

BizMod „Business für Business Analysten“ wird die neue Methodik für BPM-Modellierung von Andrea Grass und Dr. Marcus Winteroll (oose Innovative Informatik GmbH) genannt. Es ist eine Verknüpfung von BPMN und diversen UML-Diagrammen (Kontex-, Klassen- oder Zustandsdiagramm) zur Verdeutlichung und Einordnung der zu modellierenden Prozesse. Ein Vorgehensmodell wurde ebenfalls vorgestellt. Alternativ können auch noch Geschäftsregeln mit in das Modell aufgenommen werden. Dieses Modell ist auch für eine spätere Implementierungsphase geeignet. Die Verknüpfung von UML und BPMN erscheint uns ziemlich sinnvoll und mächtig, da hier nicht versucht wird in BPMN Symbolik den Kontext eines Prozesse abzubilden, sondern für den jeweiligen Bereich die best geeignete Notation zu wählen und diese dann zu verknüfen (à la Best-of-Breed).

Unter dem Moto „Die State Maschine – Zaubertrank der UML“ veranschaulichte Prof. Dr. Jörg Robra, dass sich die IT eigentlich schon eine ganze Weile mit den Themen der Modellierung und der Automatisierung beschäftigt. Dabei lenkte er das Augenmerk der Zuschauer auf die theoretische Informatik und somit auf endliche Automaten und Zustandsdiagramme der UML, mit deren Hilfe Prozesse modelliert und implementiert werden könnten. Diese Variante kommt in der Praxis bei der Firma „E2E Technologies GmbH“ bereits zum Einsatz, um Geschäftsprozesse zu automatisieren. Hier wird lediglich auf der obersten Ebene zur Modellierung BPMN eingesetzt. Für Automatisierungs– und Integrationsthemen kommen Zustandsdiagramme der UML zum Einsatz.

Den Abschluss dieser insgesamt sehr gelungenen Veranstaltung lieferte Sascha Lobo mit denkwürdigen Ausführen zu Zukunft und Trends der digitalen Welt. Wobei er hier den Schwerpunkt auf die Verknüpfung von Inhalten und Nutzer-Profilen in den sozialen Netzwerken und die damit verbundenen Chancen und Risiken legte. Insbesondere den Risiken und Auswüchsen (Schwarzfahrer App, Plattform für eigene Geschlechtskrankheiten, …) widmetet er einen großen Teil seines Vortrages. Dennoch war klar zu erkennen, dass Social Media einen wertvollen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten kann, wenn diese „richtig“ angewendet wird. Richtig im Sinne von in den Unternehmensprozess integriert und damit nicht isoliert. Ein gutes Beispiel für den potentiellen Erfolg (und auch die Gefahr) lieferte hier ein exemplarisches Hotelbewertungsportal. Bei einer Verknüpfung mit beispielsweise Facebook ist die Gesamtanzahl der Bewertung des Hotels plötzlich für den User nicht so relevant wie die Bewertungen seiner Freunde. Dies gilt ebenso für eventuelle Kaufentscheidungen! Wenn es möglich wäre zu sehen, welche Fernseher, Zahnbürsten oder Apps die eigenen Social Media Freunde nutzen, dann würde eine Entscheidung erleichtert. Momentan liefert das (unverknüpfte) Internet nur das günstigste Produkt zurück, aber welches Produkt es sein soll, muss mehr oder weniger mühsam recherchiert werden. Wenn Unternehmen diese Chancen erkennen, kann die Kundenbindung drastisch erhöht werden, allerdings wenn nicht, dann kann plötzlich das komplette Geschäftsmodell obsolet werden.

Soviel Nachlese von mir. Wir werden noch einzelne weitere Themen aus dem BPM-Kongress aufgreifen, demnächst hier im Blog.