Auf den diesjährigen BPM & Integration Days in München gab es am ersten Tag zahlreiche spannende Vorträge – von der „Schuldenfalle der IT“ über „Testgetriebene Geschäftsprozessmodellierung“ und „IoT mit BPM und SOA“ bis hin zu „Technisch lauffähige BPMN“ und „Adaptive Case Management (ACM)“ wurde der Bogen gespannt. Am zweiten Tag stand dann alles im Zeichen der praktischen Umsetzung und Diskussionen im Workshop-Format. Die folgende Retrospektive zeigt aus unserer Sicht interessante Trends und Themen für 2014 im BPM-Kosmos.

In der Keynote von Dirk Slama (Bosch SI) ging es um die neu gegründete BPM Alliance, die sich zum Ziel gesetzt hat ihre BPM-Methodik als offenen Standard zu etablieren. Diese integrierte BPM-Projektmethodik (IBPM) soll dazu dienen, BPM-Projekte klar strukturiert und mit einheitlichem Vorgehen unter Anwendung von Best Practices durchzuführen. Zusammen mit dem EPBM-Framework (Enterprise BPM-Framework) ist so eine durchgängige Methodik im Bereich Prozessmanagement verfügbar.

In der Session testgetriebene Geschäftsprozessmodellierung (Holisticon AG) wurde eine Möglichkeit vorgestellt Prozesse zu testen. Dies ist auch automatisiert im Rahmen eines Continuous Delivery möglich. Die Notwendigkeit Prozesse zu testen, im Idealfall End-2-End, kann nicht bestritten werden. Interessant sind vielmehr die Probleme, die sich daraus ableiten lassen. Zum Einen ist ein Prozess keine „Unit“ und kann somit auch nicht im Rahmen eines gewöhnlichen Unit-Test im eigentlichen Sinne getestet werden. Ein Prozess lässt sich vielmehr als „Behaviour“ von unterschiedlichen fachlichen Zuständen beschreiben. Dieses Zustände zu Testen erfordert ein komplexes (sprich nahezu fertiges) System mit seinen angebundenen externen Umsystemen. Da dies aber nur zu einen späten Zeitpunkt in der Softwareentwicklung zur Verfügung steht, ist die Fehlerbehebung sehr teuer!
Dies soll mit dem Ansatz des „In-Memory-Test“ von BPMN 2.0 Geschäftsprozessdiagrammen mit Hilfe von Szenarien vermieden werden. Die Besonderheiten bestehen zum einem zum recht frühen Zeitpunkt des Tests (ähnlich eines Unit-Test), der Möglichkeit agil vorzugehen, der potentiellen Wiederverwendbarkeit der Test im Integrationstest und der natürlich-sprachlichen Beschreibung der Szenarien. Dies erfordert aber einen einzuplanenden Implementierungsaufwand für die Testerstellung. Ob sich dieses Konzept durchsetzen kann wird die Zeit zeigen, einen gewissen Charme hat es jedenfalls.

Interessantes und durchgängiges Thema auf den diesjährigen BPM & Integration Days war sicherlich das Internet of Things (IoT). Der Herausforderung, die enorme Datenmenge des IoT Herr zu werden, wurde im Vortrag von Opitz Consulting mit Event Processing und Rule Engines begegnet. Die Grundthese bestand darin, dass nicht alle „Dinge“ unbedingt smart sein müssen, sonder es vielfach genügt einen einfachen Sensor zu implantieren, der seine Messwerte ungefiltert ins Netz sendet. Eine höhere Abstrahierungsebene muss dann entscheiden, welche Events, in welchem Zeitraum (man beachte dabei die Lambda-Architektur und Apache Storm als Event Processing Engine) als sinnvoll zu erachten sind. Hierbei muss die Abstrahierungsebene in der Lage sein in einem Stream intervall-basierte Messungen in Real-time durchzuführen und die Ergebnisse aggregiert zu versenden. Erst darauf basierend kann entschieden werden, ob das aggregierte Event relevant ist für einen und im Idealfall für welchen Geschäftsprozess. Der Geschäftsprozess selbst wiederum kann dann auch auf die historisierten Daten und den Live-Daten-Stream zugreifen und basierend darauf Analysen anstoßen, bzw. kann sich der Mitarbeiter Remote auf das jeweilige Gerät aufschalten, prüfen und dann gegebenenfalls neue Prozesse (Beschaffung Ersatzteile, Buchung Wartungstechniker, etc.) starten.

IoT_Big_Data_Analyse

Durch diese Kapselung können die vorhandenen IT-Systeme eingebunden werden und parallel dazu neue Anwendungen und Einstiegspunkte in den bisherige Prozess definiert werden, und damit im Endeffekt ein neuer Gesamtprozess orchestriert werden. Die Real-time Auswertungs- und Monitoringmöglichkeiten, die dieser Ansatz verspricht, haben durchaus Potential. Da der Wert einer Information immer zeitabhängiger wird und daher zukünftig sofort, in der richtigen Qualität und im richtigen Kontext zur Verfügung stehen muss, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Ob wir allerdings in naher Zukunft die Prozess Engine und eine App bemühen werden, um die Schreibtischlampe an- und auszuschalten (wie hier mit einem Raspberry Pi vorgeführt), bleibt vorerst abzuwarten.

IoT_Raspberry Pi

Eher kritischer ist da eher das Thema „Cloud Service Broker“ (Oracle und Opitz Consulting) zu sehen. Hier wurde ein Ansatz präsentiert, mit dem man verschiedene Cloud Service Provider (hauptsächlich IaaS) quasi on-the-fly gegeneinander austauschen können soll. Wie praktikabel das Ganze wirklich ist, konnte die Diskussionsrunde leider nicht klären. Großes Problem ist außerdem, dass die großen Anbieter wie Amazon oder Salesforce dabei nicht mitspielen. Für kleinere Anbieter, die sich hier explizit zusammenschließen aber vielleicht eine Alternative, in den inzwischen aufgeteilten Markt vorzustoßen.

Spannend wurde es wieder beim Adaptive Case Management (wieder Opitz Consulting). Der Versuch, Geschäftsprozesse weiter zu flexibilisieren bringt für einige konkrete Anwendungsfälle (Beispiel aus dem Vortrag: Schadensregulierung bei Versicherungen) sicher einen großen Mehrwert. Hier wartet die BPM Gemeinde gespannt auf die „Hochzeit“ zwischen BPMN und CMMN (Case Management Modelling & Notation), wodurch das Thema sicher weiter an Fahrt gewinnen wird.

Obwohl hier nur ein kleiner Rückblick gegeben werden konnte, war dies insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung, die ohne zu Zögern weiter empfohlen werden kann. Beachtlich war vor allem die nahende Konvergenz von BPM und IoT, wobei aber bisher nur wenig abzusehen ist wohin sich dies entwickeln wird. Insbesondere welche Geschäftsmodelle sich daraus entwickeln lassen können oder müssen, um am Markt weiter bestehen zu können. Die Herausforderung wird sein diese Geschäftsmodelle rechtzeitig zu erkennen, mit BPM(N) umzusetzen, in die bestehende IT-System zu integrieren und neue Partnerschaften und Allianzen einzugehen. Somit werden Marktteilnehmer und Branchen miteinander vernetzt, die heute in keiner geschäftlichen Beziehung zueinander stehen. Daraus können, eine gewisse Offenheit der Partner und Systeme vorausgesetzt, völlig neue Produkte, Geschäftsmodelle oder Ökosysteme entstehen.

Autoren: Denny Hahn und Sven Fischer

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